Anmerkungen zum Editorial von Helmut Oberlack im TQJ 3/2017

Lieber Helmut,

wie immer bei einer neuen Ausgabe des TQJ schaue ich erstmal, was Du Dir wieder Neues für Dein Editorial überlegt hast. Einerseits, weil ich jedes Heft immer von vorne nach hinten komplett durchblättere und Dein Editorial steht nun mal ganz vorne, anderseits, weil ich es immer gerne lese, da ich neugierig bin und mich Deine Themen meist auch sehr interessieren.
Schon öfters juckte es mir dann in den Fingern, da ich dachte, da muss ich jetzt aber auch mal meinen Kommentar dazu abgeben. Meist konnte ich mir das ja dann verkneifen, habe es vergessen oder einfach die Zeit für Anderes verwendet.

Diesmal muss ich aber meinen Senf dazugeben.

Könnte Qigong und Taijiquan wirklich helfen, die Welt etwas gewaltfreier zu machen?

Meine spontane Reaktion darauf ist ein klares JEIN!

Zum NEIN-Teil:
Zunächst denke ich, dass es nicht an den Künsten Qigong und Taijiquan selbst liegt, sondern daran, was Menschen daraus und damit machen. Nicht das Werkzeug an sich entscheidet über das, was damit getan wird. Der Mensch, der es handhabt bestimmt, getrieben durch seine Perspektiven und sein Entwicklungsniveau, was damit erreicht werden kann. Jeder Künstler kann sich Techniken und Methoden aneignen und Werkzeuge und Materialien erwerben, wie er lustig ist – aber welche Kunstwerke er damit und daraus wohl erschaffen wird?
Mit Qigong und Taijiquan stelle ich mir das ähnlich vor: Jeder Praktizierende blickt durch eine Art Brille, die er aber selbst nicht sehen kann, auf die Welt und interpretiert sie entsprechend. Und dann „verwendet“ er Qigong und Taijiquan gemäß seinen Interpretationen.
Vergleichbar mit Bergsteigern, die alle aufbrechen den gleichen 6.000er zu erklimmen: Einige nehmen die steile Nordwand, einige den langen Südweg, wieder andere versuchen es auf der gefährlichen Ostroute oder aber dem zerklüfteten Weststeig. Je nach dem gewählten WEG, werden sie eine andere Aussicht auf die Umgebung des Berges, eine andere Perspektive haben. Dann ist für einige nach 4.000 m Endstation, andere schaffen die 5.000 m und nur wenige erklimmen den Gipfel in 6.000 m Höhe. Der Überblick, die Weite, die die jeweiligen Perspektiven höhenabhängig bieten, vergrößert sich, je höher man steigt. Auf dem Gipfel bietet sich sogar die Gelegenheit rundum (alle Perspektiven) und sehr weit in die Ferne (größte Weite) zu schauen.
Der gewählte Weg und die erreichte Höhe bestimmen letztendlich die Tönung der Brillengläser unserer unbewussten Brille durch die wir unsere Welt betrachten.
Und so könnte ein Donald Trump (den LebensWEG kennen wir ja, bei der erreichten Höhe tippe ich mal auf max. 1.000 m) sicher Taijiquan lernen, mit Stolz gewölbter Brust eine Pipi-Form vorführen und vielleicht sogar einige hinterlistige und schmutzige Tricks lernen, wie man beim Push Hands einen Gegner zu Fall bringen kann. Taijiquan als Methode der Selbstdarstellung und Kriegstechnik. So hatten wir uns das ja eigentlich nicht vorgestellt – daher;

Zum JA-Teil:
Wenn ein Qigong- oder Taijiquan-Praktizierender (aber auch jeder Nicht-Praktizierende – vielleicht fördern Qigong und Taijiquan aber die nachfolgend beschriebene Entwicklung) es aber tatsächlich schafft mal verschiedene Wege auszuprobieren, mag er vielleicht erkennen, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt, die weder richtig noch falsch sind, sondern einfach nur Teile eines größeren Ganzen. Und wenn er dann auch noch zu immer größerer Weite und Überblick voranschreitet und die Dinge allmählich eher von oben als von der Seite erblickt, dann bekommt er vielleicht auch eine Ahnung, wie dieses größere Ganze beschaffen sein könnte. Er mag es dann vielleicht Dao (oder-was-weiß-ich-denn-wie) nennen. Und er erkennt, woran es wohl liegen könnte, dass nicht alle Menschen dieses größere Ganze erkennen, sondern immer nur Teile wahrnehmen, die sich dann auch noch zu widersprechen scheinen und die einen dann mit anderen Menschen, die andere Teile wahrnehmen, in Streit geraten lassen, welche Sicht denn nun wohl die Richtige sei. Es sind die unsichtbaren Brillen, die wir alle auf unserer Nase herumtragen.
Wenn Qigong und Taijiquan uns darin befördern und helfen können, diese Brillen – eine nach der anderen – abzunehmen und sie anzuschauen, die Tönung der Gläser zu erkennen und auch den eingeschränkten Blickwinkel (Perspektive) wahrzunehmen, den diese Brillen verursachen – ja dann glaube ich tatsächlich, dass Qigong und Taijiquan dazu beitragen können, die Welt etwas friedvoller zu machen. Aber wie wir alle wissen, ist das ein langer Weg und es gibt mindestens 1.000 andere, ebenso gute Wege. Wir müssen nur einen davon bis zum Ende gehen um auf den Gipfel zu gelangen.

Mein FAZIT (leider):
Eine Form zwischen zwei, sich kriegerisch bekämpfenden Lagern zu laufen, wäre sicher lustig und könnte vielleicht 0,1% der Gewalttäter zum Nachdenken anregen (DAS wäre schon ein Erfolg), dürfte aber ansonsten spontan nicht viel bewirken. Es sei denn, es ließen sich effektive Kampfmethoden abschauen, die dabei helfen die ANDEREN Idioten unschädlich zu machen.

Herzliche Grüße
Peter

PS: Wie Du vielleicht bemerkt hast, könnte meinem „Senf“ die von Ken Wilber entwickelte „Integrale Theorie“ mit den 4 Quadranten („Perspektiven“) und den Entwicklungs-/Bewusstseinsstufen („Brillen“) (und vielen anderen Komponenten) zugrunde liegen.

Leitfaden Prävention

Der aktuelle Leitfaden Prävention, der Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbandes zur Umsetzung der §§ 20 und 20a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 10. Dezember 2014 beschreibt, fordert im Rahmen der Anbieterkriterien weiterhin als Grundqualifikation einen staatlich anerkannten Berufs- oder Studienabschluss im jeweiligen Fachgebiet (Handlungsfeld) (S. 44).

Für das Handlungsfeld Stressmanagement (S. 59 ff.) ist als Grundqualifikation im Prinzip auch wieder ein staatlich anerkannter Berufs- oder Studienabschluß in einem Gesundheits- oder Sozialberuf erforderlich (S. 65). Über die Fußnote 122 gibt es jetzt aber für die Methoden Taiji Quan und Qigong eine Öffnung für Menschen mit staatlich anerkanntem Berufs- oder Studienabschluß außerhalb des Gesundheits- und Sozialbereichs, wenn zusätzlich zu den Anforderungen­ an­ die­ Zusatzqualifikation­ (300 UE Ausbildung im Präsenzunterricht in mindestens 2 Jahren) mindestens­ 200­ UE entsprechende Kursleitererfahrung nachgewiesen werden kann.

Allerdings sind damit z.B. Heilpraktiker (kein staatlich anerkannter Berufsabschluß) nach wie vor außen vor – Juristen dafür aber drin.

Beispielsweise hätte ein Studienabbrecher, der eine Kneipe aufmacht und tagsüber als Autor sein Geld verdient, anschließend ein paar Jahre in China Taiji Quan lernt, zurückkommt und hier eine formale Taiji Quan Lehrer-Ausbildung abschließt, dann 5 Jahre Taiji Quan unterrichtet und nebenbei eine Heilpraktiker-Prüfung ablegt, nach wie vor keine Chance auf Anerkennung durch die ZPP (Zentrale Prüfstelle Prävention).

ZPP: „Methodenmix“ Taiji Quan und Qigong

Aus der Ablehnung eines Antrags auf Anerkennung eines Präventionskurses durch die ZPP (Zentrale Prüfstelle Prävention):

„Ein Methodenmix aus Tai Chi und Qigong ist nicht zulässig.“

Finde ich klasse, dass die Sachbearbeiter bei der ZPP über derart große Fachkompetenz verfügen, dass sie Taiji Quan und Qigong so glasklar auseinanderhalten können und genau wissen, dass das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun hat.

Selbst ich werfe nach über 20 Jahren Praxiserfahrung diese so unterschiedlichen Methoden immer wieder durcheinander.  Und dann gibt es da doch sogar Systeme, die sich „Die achtzehnteilige Reihe des Taiji-Qigong“ nennen. Was soll das denn? Der Urheber dieser Bewegungsfolge – die wahrscheinlich überhaupt nicht präventiv wirkt – kannte sich da ja wohl überhaupt nicht aus.


Anm.: Bei diesem Beitrag handelt es sich – bis auf den ersten Satz und das Zitat – um Satire.

Sabine & Dr. Peter Wolfrum